SEATTLE – Die Ausrottung der Kinderlähmung hat wesentlich länger gedauert, als allgemein erwartet wurde. Doch die Bemühungen der letzten 35 Jahre, jedes Kind gegen Polio zu impfen, stellen einen bedeutenden Erfolg für die globale Gesundheit dar. Ein Rückgang der Krankheitsfälle um 99 Prozent bedeutet, dass heute fast 20 Millionen Menschen gehen können, die andernfalls gelähmt gewesen wären.
Jetzt gilt es, die Aufgabe zu beenden und eine poliofreie Welt zu schaffen. Deshalb konzentriert sich die Globale Initiative zur Ausrottung der Kinderlähmung (GPEI) neben der Bekämpfung von Wildpolio in Afghanistan und Pakistan auf jene Gebiete, in denen Kinder am ehesten mit Varianten des Poliovirus in Berührung kommen – insbesondere mit Typ 2. Zu diesen Gebieten zählen der Nordwesten Nigerias, der Südosten der Demokratischen Republik Kongo (DRK), der Norden des Jemen und der Süden Somalias, wo seit Januar 2022 über 84 Prozent der weltweit verzeichneten Fälle auftraten.
Unsicherheit, schwache Infrastruktur und schwieriges Gelände erschweren die Versorgung der Kinder in diesen Gebieten mit den grundlegendsten medizinischen Leistungen, von Impfungen ganz zu schweigen. Ein derart „unterimmunisiertes“ Umfeld ist Ausbrüchen von Polio-Varianten besonders förderlich, denn diese Varianten können auftreten, wenn das im oralen Polio-Impfstoff enthaltene abgeschwächte Lebendvirus in ungeimpften oder unzureichend geimpften Bevölkerungsgruppen zirkuliert. Tragischerweise kann das Virus mit der Zeit wieder erstarken und bei Kindern zu Lähmungen führen.
Der Ausbreitung der Polio-Variante in Nigeria, Somalia, Jemen und der Demokratischen Republik Kongo Einhalt zu gebieten, ist von entscheidender Bedeutung für die Schaffung einer Welt ohne Polio, doch der Erfolg wird sich nicht ohne weiteres einstellen. Glücklicherweise gelang es allen erwähnten Ländern in der Vergangenheit, die Polio-Wildform auszurotten. Ein ähnlicher Ansatz ist zu wählen, um die Ausbrüche der Varianten endgültig zu stoppen.
Vor allem in Nigeria wurde gezeigt, wie Ausbrüche durch eine verbesserte Immunität der Bevölkerung aufgrund qualitativ hochwertiger Impfkampagnen eingedämmt werden kann. Im Jahr 2020 wurde das Land – sowie auch die anderen Gebiete der afrikanischen WHO-Region (mit Ausnahme von Somalia und Ägypten) - für Wildpolio-frei erklärt. Damit fanden die jahrzehntelangen Bemühungen um eine gesündere Zukunft für die Kinder des Landes ein Ende. Doch im Hintergrund zirkulierte das Poliovirus langsam weiter, bevor es 2021 wieder aufflammte und schließlich im Laufe von 12 Monaten bei über 400 Kindern in Nigeria zu Lähmungen führte.
Die nigerianische Regierung, die sich entschlossen der Ausrottung der Kinderlähmung verschrieben hat, begegnete dem raschen Anstieg der Polio-Variante mit energischen Maßnahmen, die einen Rückgang um fast 95 Prozent gegenüber dem Höchststand im Jahr 2021 bewirkten. Mit weniger bestätigten Fällen in kleineren Gebieten schrumpft nicht nur die Polio-Landkarte, sondern auch die genetische Vielfalt des Virus. Dies heißt, bestehende Ausbrüche werden eingedämmt und neue Ausbrüche verhindert. Am wichtigsten ist vielleicht, dass die Immunität gegen die Poliovirus-Variante zunimmt.
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Der Erfolg Nigerias bei der Eindämmung dieses massiven Ausbruchs ist zu einem großen Teil der bahnbrechenden Einführung des neuartigen oralen Polioimpfstoffs Typ 2 (nOPV2) zu verdanken, der genetisch stabiler ist als sein Vorgänger und sich daher mit geringerer Wahrscheinlichkeit zu einer Virusform entwickelt, die zu Lähmungen führt. Dieses innovative Instrument hat in Verbindung mit verstärkten Impfkampagnen in unterimmunisierten Gebieten dazu geführt, dass es zu weniger Ausbrüchen der Polio-Variante Typ 2 gekommen ist. Nachdem seit März 2021 landesweit mehr als 450 Millionen Dosen nOPV2 an Kinder verabreicht wurden, sind in Nigeria nur noch zwei genetische Stämme des Virus anzutreffen, während es zu Beginn der Einführung noch sieben waren.
Auch starkes politisches Engagement hat maßgeblich zur Einführung des Impfstoffs beigetragen. Die Einsetzung einer präsidialen Task Force zur Ausrottung von Polio zeigt, dass der Kampf gegen die Kinderlähmung weiterhin ganz oben auf der Agenda der politisch Verantwortlichen steht. Darüber hinaus haben Programme wie das von der Aliko Dangote Foundation unterstützte Community Reorientation Women Network (CRoWN) zu diesem Erfolg in Nigeria beigetragen. Dieses Netzwerk befähigt Frauen - die in entlegenen Gebieten die Mehrheit der lokalen Gesundheitsfachkräfte bilden – ungeimpfte Kinder ausfindig zu machen und die Inanspruchnahme von Impfungen in ihren Gemeinden zu fördern. Diese Initiativen helfen Eltern und Betreuungspersonen hinsichtlich des Zugangs zu wichtigen Gesundheitsdiensten für ihre Kinder.
In jedem dieser Länder gibt es jetzt Notfallzentren, die dabei helfen, schneller und qualitativ besser auf Polioausbrüche zu reagieren. In vielen Fällen helfen diese Zentren auch bei der Abwehr anderer Bedrohungen der öffentlichen Gesundheit, darunter Covid-19 und Masern. Diese Innovationen in Verbindung mit dem verstärkten Einsatz von nOPV2 haben bereits zu einer erhöhten Immunität, einem Rückgang der Fallzahlen und einer Verringerung der genetischen Vielfalt des Virus in den Gebieten mit dem höchsten Risiko geführt.
Das Ziel, die Kinderlähmung ein für alle Mal auszurotten, ist zum Greifen nahe, aber um es zu erreichen, bedarf es gemeinsamer Anstrengungen. Um die Welt von Polio zu befreien, muss die finanzielle Unterstützung durch globale Geber - ein wichtiger Faktor für die Fortschritte in Nigeria und anderswo - erhöht werden. Auch für die Regierungen der betroffenen Länder gilt es, sich mehr denn je dazu zu verpflichten, die Krankheit innerhalb ihrer Staatsgrenzen auszurotten.
Nigeria hat die Kinderlähmung schon einmal besiegt, und kann - und wird - dies wieder tun. Sorgen wir dafür, dass jedes Land, in dem es zu Ausbrüchen kommt, in der Lage ist, der Krankheit ein für alle Mal ein Ende zu setzen.
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US Treasury Secretary Scott Bessent’s defense of President Donald Trump’s trade tariffs as a step toward “rebalancing” the US economy misses the point. While some economies, like China and Germany, need to increase domestic spending, the US needs to increase national saving.
thinks US Treasury Secretary Scott Bessent is neglecting the need for spending cuts in major federal programs.
China’s prolonged reliance on fiscal stimulus has distorted economic incentives, fueling a housing glut, a collapse in prices, and spiraling public debt. With further stimulus off the table, the only sustainable path is for the central government to relinquish more economic power to local governments and the private sector.
argues that the country’s problems can be traced back to its response to the 2008 financial crisis.
SEATTLE – Die Ausrottung der Kinderlähmung hat wesentlich länger gedauert, als allgemein erwartet wurde. Doch die Bemühungen der letzten 35 Jahre, jedes Kind gegen Polio zu impfen, stellen einen bedeutenden Erfolg für die globale Gesundheit dar. Ein Rückgang der Krankheitsfälle um 99 Prozent bedeutet, dass heute fast 20 Millionen Menschen gehen können, die andernfalls gelähmt gewesen wären.
Jetzt gilt es, die Aufgabe zu beenden und eine poliofreie Welt zu schaffen. Deshalb konzentriert sich die Globale Initiative zur Ausrottung der Kinderlähmung (GPEI) neben der Bekämpfung von Wildpolio in Afghanistan und Pakistan auf jene Gebiete, in denen Kinder am ehesten mit Varianten des Poliovirus in Berührung kommen – insbesondere mit Typ 2. Zu diesen Gebieten zählen der Nordwesten Nigerias, der Südosten der Demokratischen Republik Kongo (DRK), der Norden des Jemen und der Süden Somalias, wo seit Januar 2022 über 84 Prozent der weltweit verzeichneten Fälle auftraten.
Unsicherheit, schwache Infrastruktur und schwieriges Gelände erschweren die Versorgung der Kinder in diesen Gebieten mit den grundlegendsten medizinischen Leistungen, von Impfungen ganz zu schweigen. Ein derart „unterimmunisiertes“ Umfeld ist Ausbrüchen von Polio-Varianten besonders förderlich, denn diese Varianten können auftreten, wenn das im oralen Polio-Impfstoff enthaltene abgeschwächte Lebendvirus in ungeimpften oder unzureichend geimpften Bevölkerungsgruppen zirkuliert. Tragischerweise kann das Virus mit der Zeit wieder erstarken und bei Kindern zu Lähmungen führen.
Der Ausbreitung der Polio-Variante in Nigeria, Somalia, Jemen und der Demokratischen Republik Kongo Einhalt zu gebieten, ist von entscheidender Bedeutung für die Schaffung einer Welt ohne Polio, doch der Erfolg wird sich nicht ohne weiteres einstellen. Glücklicherweise gelang es allen erwähnten Ländern in der Vergangenheit, die Polio-Wildform auszurotten. Ein ähnlicher Ansatz ist zu wählen, um die Ausbrüche der Varianten endgültig zu stoppen.
Vor allem in Nigeria wurde gezeigt, wie Ausbrüche durch eine verbesserte Immunität der Bevölkerung aufgrund qualitativ hochwertiger Impfkampagnen eingedämmt werden kann. Im Jahr 2020 wurde das Land – sowie auch die anderen Gebiete der afrikanischen WHO-Region (mit Ausnahme von Somalia und Ägypten) - für Wildpolio-frei erklärt. Damit fanden die jahrzehntelangen Bemühungen um eine gesündere Zukunft für die Kinder des Landes ein Ende. Doch im Hintergrund zirkulierte das Poliovirus langsam weiter, bevor es 2021 wieder aufflammte und schließlich im Laufe von 12 Monaten bei über 400 Kindern in Nigeria zu Lähmungen führte.
Die nigerianische Regierung, die sich entschlossen der Ausrottung der Kinderlähmung verschrieben hat, begegnete dem raschen Anstieg der Polio-Variante mit energischen Maßnahmen, die einen Rückgang um fast 95 Prozent gegenüber dem Höchststand im Jahr 2021 bewirkten. Mit weniger bestätigten Fällen in kleineren Gebieten schrumpft nicht nur die Polio-Landkarte, sondern auch die genetische Vielfalt des Virus. Dies heißt, bestehende Ausbrüche werden eingedämmt und neue Ausbrüche verhindert. Am wichtigsten ist vielleicht, dass die Immunität gegen die Poliovirus-Variante zunimmt.
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Der Erfolg Nigerias bei der Eindämmung dieses massiven Ausbruchs ist zu einem großen Teil der bahnbrechenden Einführung des neuartigen oralen Polioimpfstoffs Typ 2 (nOPV2) zu verdanken, der genetisch stabiler ist als sein Vorgänger und sich daher mit geringerer Wahrscheinlichkeit zu einer Virusform entwickelt, die zu Lähmungen führt. Dieses innovative Instrument hat in Verbindung mit verstärkten Impfkampagnen in unterimmunisierten Gebieten dazu geführt, dass es zu weniger Ausbrüchen der Polio-Variante Typ 2 gekommen ist. Nachdem seit März 2021 landesweit mehr als 450 Millionen Dosen nOPV2 an Kinder verabreicht wurden, sind in Nigeria nur noch zwei genetische Stämme des Virus anzutreffen, während es zu Beginn der Einführung noch sieben waren.
Auch starkes politisches Engagement hat maßgeblich zur Einführung des Impfstoffs beigetragen. Die Einsetzung einer präsidialen Task Force zur Ausrottung von Polio zeigt, dass der Kampf gegen die Kinderlähmung weiterhin ganz oben auf der Agenda der politisch Verantwortlichen steht. Darüber hinaus haben Programme wie das von der Aliko Dangote Foundation unterstützte Community Reorientation Women Network (CRoWN) zu diesem Erfolg in Nigeria beigetragen. Dieses Netzwerk befähigt Frauen - die in entlegenen Gebieten die Mehrheit der lokalen Gesundheitsfachkräfte bilden – ungeimpfte Kinder ausfindig zu machen und die Inanspruchnahme von Impfungen in ihren Gemeinden zu fördern. Diese Initiativen helfen Eltern und Betreuungspersonen hinsichtlich des Zugangs zu wichtigen Gesundheitsdiensten für ihre Kinder.
Nigeria ist jedoch nicht das einzige Land, in dem Fortschritte erzielt werden. In Somalia, wo man mit dem am längsten andauernden Ausbruch der Poliovirus-Variante konfrontiert ist, arbeitet GPEI mit anderen Organisationen an der Errichtung mobiler Gesundheitscamps zusammen, wo über eine halbe Million Kinder gegen Polio geimpft werden können und wo auch Leistungen im Zusammenhang mit der Betreuung von Neugeborenen, Ernährungsberatung und Heilbehandlungen angeboten werden. In der Demokratischen Republik Kongo hat der verstärkte Einsatz digitaler Kartierungstools es dem Gesundheitspersonal ermöglicht, tausende ungeimpfte Kinder zu erreichen und die Regierung geht mit der Einsetzung präsidialer Foren zur Immunisierung und Ausrottung der Kinderlähmung weltweit mit gutem Beispiel voran. Das jüngste derartige Forum wurde im Juni abgehalten.
In jedem dieser Länder gibt es jetzt Notfallzentren, die dabei helfen, schneller und qualitativ besser auf Polioausbrüche zu reagieren. In vielen Fällen helfen diese Zentren auch bei der Abwehr anderer Bedrohungen der öffentlichen Gesundheit, darunter Covid-19 und Masern. Diese Innovationen in Verbindung mit dem verstärkten Einsatz von nOPV2 haben bereits zu einer erhöhten Immunität, einem Rückgang der Fallzahlen und einer Verringerung der genetischen Vielfalt des Virus in den Gebieten mit dem höchsten Risiko geführt.
Das Ziel, die Kinderlähmung ein für alle Mal auszurotten, ist zum Greifen nahe, aber um es zu erreichen, bedarf es gemeinsamer Anstrengungen. Um die Welt von Polio zu befreien, muss die finanzielle Unterstützung durch globale Geber - ein wichtiger Faktor für die Fortschritte in Nigeria und anderswo - erhöht werden. Auch für die Regierungen der betroffenen Länder gilt es, sich mehr denn je dazu zu verpflichten, die Krankheit innerhalb ihrer Staatsgrenzen auszurotten.
Nigeria hat die Kinderlähmung schon einmal besiegt, und kann - und wird - dies wieder tun. Sorgen wir dafür, dass jedes Land, in dem es zu Ausbrüchen kommt, in der Lage ist, der Krankheit ein für alle Mal ein Ende zu setzen.
Übersetzung: Helga Klinger-Groier